Krieg als Spiel: Zwischen Schauder und Groteske

Rafael Heygster gewinnt mit Fotoreportage “I Died 22 Times” den VGH Fotopreis 2018

VGH Fotopreis 2018 - Rafael Heygster - I died 22 times
Rund 1.500 Spieler besuchen die mehrtägige “Dark Emergency”. Deutschlands größtes Airsoft-Event bietet auch Camping, Verpflegung, Bühnenshows und Messestände.

Rafael Heygster, der im 7. Semester Fotojournalismus und Dokumentarfotografie an der Hochschule Hannover (HsH) studiert, hat mit seiner Reportage „I Died 22 Times“ den mit 10.000 Euro dotierten VGH Fotopreis 2018 gewonnen. Seine Arbeit handelt von Airsoft, einer Freizeitaktivität, die dem Spielprinzip von Paintball oder Lasertag ähnelt. Was Teilnehmer als Geländesportart bezeichnen, stößt wegen des stark militaristischen Charakters mit kriegsähnlichen Szenarien bei Außenstehenden oft auf Ablehnung und Unverständnis. Die Preisverleihung findet am Donnerstag, 15. November, um 18 Uhr in der VGH galerie, Schiffgraben 4 (Eingang Warmbüchenkamp), 30159 Hannover statt.

Polarisierend: Freizeitspaß oder fragwürdiges Hobby?

VGH Fotopreis 2018 - Rafael Heygster - I died 22 times
Diese Müllsäcke sollen Leichen imitieren. Die bizarre Kulisse gehört zu den Schauplätzen einer “Mission”.

Die Fotoreportage von Rafael Heygster weckt beim Betrachter durchaus zwiespältige Gefühle. Denn einerseits geht es um scheinbar harmlose Wettkämpfe, um das Ideal, clever, stark, durchsetzungs- und teamfähig zu sein. Doch „darf“ man Gefallen daran finden, mit funktionsfähigen Waffenrepliken, Tarnanzügen und kompletter Ausrüstung militärische Operationen nachzustellen und sich mit Plastikprojektilen abzuschießen, während uns täglich Bilder und Nachrichten aus realen Kriegsgebieten erreichen? Blenden Airsoft-Fans zugunsten des Spaßfaktors und eines maskulin geprägten Rollenbildes aus, was ein echter Krieg bedeutet? Fragen, die die Betrachter von „I Died 22 Times“ letztlich nur für sich entscheiden können.

Hervorragend fotografiert, zwiespältig in der Wirkung

VGH Fotopreis 2018 - Rafael Heygster - I died 22 times
Die Zwillinge Tobias (oben) und Marcus posieren für ein Portrait. Tobias arbeitet als Elektriker, Marcus ist Zeitsoldat bei der Bundeswehr.

„Jedes Bild seiner Reportage ist hervorragend fotografiert – von den szenischen Reportagebildern bis hin zu den Porträts der Krieg spielenden Protagonisten. Beim Betrachter stellt sich ein Gefühl zwischen Schauder und Groteske ein“, so die Meinung der Jurymitglieder, die auch in diesem Jahr von der Qualität der eingereichten Arbeiten beeindruckt waren. Mitglieder der hochkarätigen Jury waren Lars Lindemann (Bildchef / Geo), Lara Huck (Bildredaktion / DIE ZEIT), Andreas Trampe (Leiter Bildredaktion / stern), Barbara Stauss (Photo Director / mare), Tinka Dietz (Bildredaktion / Der Spiegel), Christian-Matthias Pohlert (Leiter Bildredaktion / F.A.Z.) und Rolf Nobel (ehemaliger Fotografieprofessor / Hochschule Hannover).

Rafael Heygster

VGH Fotopreis 2018 für Fotojournalist Rafael Heygster
Rafael Heygster (Foto: Moritz Peters)

Rafael Heygster wurde 1990 in Bremen geboren und studierte seit 2010 Kulturanthropologie an der Universität Hamburg. Seit 2015 studiert er Fotojournalismus an der Hochschule Hannover. Im Jahr 2017 absolvierte er ein Praktikum als Fotograf beim Weser-Kurier und arbeitete als Assistent mit dem Fotografen-Duo Lêmrich. Mehr Infos und die Vita von Rafael Heygster finden Sie hier.

Der Preisträger erklärt seine Herangehensweise an das sensible Thema der prämierten Fotoreportage so: „Mit meiner Arbeit hinterfrage ich, wie das Nachahmen von Krieg in einem Land, das seit 1945 offiziell im Frieden lebt, auf sehr ambivalente Weise zu einer Freizeitbeschäftigung werden konnte. In den Bildern ist die Grenze zwischen harmlosem Spiel und bedrohlichem Szenario nicht klar auszumachen, sondern bleibt bewusst diffus.“

VGH Fotopreis fördert unabhängigen Fotojournalismus

Der VGH Fotopreis wird seit dem Jahr 2001 vergeben. Mit einem Preisgeld von 10.000 Euro zählt er bundesweit zu den höchstdotierten Auszeichnungen im Bereich Fotografie. Zuerst als landesweiter Wettbewerb für Laien- und Profifotografen konzipiert, schreibt die VGH den Preis seit 2008 ausschließlich unter den Studierenden des Studiengangs Fotojournalismus und Dokumentarfotografie der HsH aus. Mit dieser exklusiven Förderung unterstützt die VGH eine Talentschmiede, die zu den führenden Ausbildungsstätten für Fotografen in Europa zählt.

 

VGH Fotopreis 2018 - Rafael Heygster - I died 22 times
Selbst ein ausrangierter Panzer wird in die „Operation Endzeit – Rollender Stahl“ integriert.
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Bier und Techno-Musik am Partyabend vor dem Spiel. Ein Baustrahler taucht Marcel und den ehemaligen Bunker in gespenstisches Licht.
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(Kriegs-)Spieltag auf der “Area M” bei Koblenz
VGH Fotopreis 2018 - Rafael Heygster - I died 22 times
Rauchgranaten in einem Feld sollen einen darin versteckten Scharfschützen ausräuchern.

2 Antworten zu “Krieg als Spiel: Zwischen Schauder und Groteske
  1. Das war gestern eine großartige Eröffnung. Die Fotos sind beeindruckend und abschreckend zugleich. Ein verdienter Gewinner des diesjährigen Preises. Glückwunsch!

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